Exportabstinenz Russlands und Euroschwäche stärken EU-Getreide

Russland holen Folgen der Ukraine-Krise und Sanktionen ein - Heimischer Mais unter Druck.

Wien, 3. Oktober 2014 (aiz.info). - Russland verabschiedete sich zumindest vorläufig vom Weltmarkt, indem es sich aus dem Geschäft preiste, Importeure machen Jagd nach billigen Schnäppchen und der Euro schwächte sich spürbar gegenüber dem US-Dollar ab, wodurch Exportangebote aus der EU momentan die Preisführerschaft übernommen haben. Dies ließ trotz eines fundamental weiterhin bearishen Marktumfeldes dieser Tage vor allem die Terminmärkte von Weizen eine Erholungsphase von mehrjährigen Tiefständen einlegen. Der November-Mahlweizenkontrakt an der Euronext in Paris befestigte sich, nachdem er zum Ende der vorigen Woche kurzfristig auf EUR 148,50 pro t eingeknickt war, bis Donnerstag dieser Woche auf EUR 158,- pro t und hielt dieses Niveau etwa zu Beginn des Freitagshandels. Mais, Raps sowie der Sojakomplex konnten im Angesicht überreichlicher Ernten zwar auch etwas profitieren, blieben aber nahe ihren Mehrjahrestiefs. Der heimische Kassamarkt dagegen zeigt sich, so Marktteilnehmer, mit der Ausnahme von Mais bei einem leichten "unsymptomatischen Oszillieren" der Preise stabil.

Dabei behaupten vor allem bessere Qualitäten wie Premium- und Durumweizen ihre Stärke mit Notierungen von EUR 204,50 beziehungsweise EUR 321,- pro t und erholte sich auch der ansonsten unter Druck stehende Mahlweizen am Mittwoch dieser Woche an der Wiener Produktenbörse leicht auf EUR 160,50 pro t - also mit einer positiven Prämie auf die Euronext-Notierungen. Lediglich Qualitätsweizen schwächte sich an der unteren Notierung etwas ab und hält bei EUR 190,50. Insgesamt läuft das Geschäft unaufgeregt, aber auch nicht allzu schwungvoll. Aus Produzentenkreisen verlautet, dass jene, die ausreichend Lagerraum haben, es nicht so eilig mit der Vermarktung hätten und erst einmal abwarten wollten, bis jene, die auf den Markt drängen müssen, ihr Pulver verschossen hätten.

Maismarkt steht unter dem Druck einer heraufdämmernden Riesenernte

Eine heraufdämmernde Riesenernte beim Mais - sowohl hierzulande als auch global und insbesondere in der EU - drückte die Wiener Trockenmaisnotierungen aus der Ernte 2014 neuerlich und nun schon deutlich unter die 120-Euro-Marke, wobei Analysten auch am Weltmarkt trotz eines kurzzeitigen Aufatmens die Talsohle noch nicht erreicht sehen.

Sowohl der heimische Ethanolhersteller Agrana als auch der Zitronensäurehersteller Jungbunzlauer beließen bis zuletzt die Erzeugerpreise für Nassmais auf Basis von 30% Feuchtigkeit unverändert bei EUR 86,70 pro t netto frei ihrer Werke. Die Latte scheinen dabei die garantierten Mindestpreise Jungbunzlauers für Kontraktware und das Interesse an möglichst frühzeitigen Lieferungen, um die Rekordernte logistisch bewältigen zu können, zu legen. Denn von den aktuell an der Wiener Börse notierten Trockenmaispreisen - EUR 115,- pro t für Futtermais zur prompten Lieferung und EUR 117,- pro t für Industriemais, geliefert zwischen Jänner und Mai 2015 - abgeleitete Kalkulationen würden für den Nassmais weitaus niedrigere Preise, deutlich unter EUR 70,- pro t, nahelegen. Dementsprechend rumort es auch, für später zugekaufte vertragsfreie Ware würden die derzeit bezahlten Kontraktpreise wohl nicht mehr zu erzielen sein.

Prämien für GVO-freien heimischen Sojaschrot deutlich gesunken

Ein kleines Trostpflaster für die von einem Preisverfall heimgesuchten Schweinemäster hält der heimische Sojaschrotmarkt bereit. Nicht nur, dass GVO-hältige Importe vom Weltmarkt seit Mitte September um fast 10% billiger geworden sind, es schlägt sich auch die sehr gute europäische Sojabohnenernte auf die Aufpreise für GVO-freien inländischen Sojaschrot gegenüber deklarationspflichtiger Ware nieder: Rechnet man die Wiener Notierung für 46%igen GVO-freien Sojaschrot auf 44% Protein um, kommt ein theoretischer Preis von knapp EUR 426,- pro t heraus. GVO-hältiger Sojaschrot mit 44% wird mit EUR 385,- pro t am Kursblatt gelistet. Das heißt laut Brancheninsidern, dass die Prämie für GVO-Freiheit zurzeit "nur" EUR 41,- pro t betrage, während in Spitzenzeiten noch Aufpreise von bis zu EUR 150,- pro t zu bezahlen gewesen wären. Das Sinken der Preise bringe aber auch zum Ausdruck, dass ausreichend Ware angeboten werde und die Versorgung klappe. Im Umfeld der aktuell gesunkenen Erlöse für Konkurrenzkulturen wie Mais sei, so die Insider, die Deckungsbeitragsrechnung für den heimischen Sojaanbau aber immer noch interessant.

IGC revidiert Ernten neuerlich hinauf - Zweigeteilter Markt und Konkurrenz um den Trog

Der Internationale Getreiderat IGC revidierte vorigen Donnerstag im Monatsabstand die globalen Ernten von Weizen, Mais, Getreide insgesamt sowie von Sojabohnen für die Saison 2014/15 erneut hinauf. Die Ernte von Weizen erreicht mit 717 Mio. t ein neues Rekordniveau, die von Getreide insgesamt mit 1,983 Mrd. t und die von Mais mit 974 Mio. t kommen fast an den Höchstwert aus dem Vorjahr heran.

Im Report ist aber noch nicht berücksichtigt, dass die Ukraine und Australien jüngst ihre Ernteerwartungen um zusammen mehrere Millionen Tonnen zurückschraubten. Dabei sorgt die Ukraine für Verwirrung, indem ihr Landwirtschaftsminister vorige Woche die Ernteschätzung von zuvor 63 Mio. t auf unter 60 Mio. t zurücknahm und dann wenige Tage später wiederum eine Rekordernte von mehr als 64,4 Mio. t hinausposaunte. In Australien ergab eine Reuters-Befragung von Händlern und Analysten im Durchschnitt die Erwartung einer Weizenernte von 24 Mio. t, nachdem das US-Landwirtschaftsministerium im jüngsten WASDE-Bericht noch von 25,5 Mio. t und der IGC aktuell von 25 Mio. t ausgegangen waren. Im Vorjahr fuhr Down Under gut 27 Mio. t Weizen ein. Ursache für die reduzierten Erwartungen ist Trockenheit im Hauptanbaugebiet für den Weizenexport, Westaustralien. Dafür rechnet man aber mit einer besseren Qualität, insbesondere mit einem höherem Proteingehalt, als 2013. Australien exportiert mehr als drei Viertel seiner Weizenproduktion auf den Weltmarkt, vor allem in den asiatischen Raum. Laut IGC sollen das 2014/15 fast 19 Mio. t sein, womit man die Nummer fünf im weltweiten Ranking einnimmt. Aktuell kassiere man wegen der Qualitätsprobleme mit der Weizenernte auf der Nordhalbkugel für hochwertige Weizen Qualitätsprämien in Rekordhöhe.

Der IGC-Report setzt auch den Verbrauch hinauf. Dennoch sollen die Getreideendlager heuer um 25 Mio. t auf ihren höchsten Stand seit 1999/2000 anwachsen.

Den Hauptanteil des Verbrauchszuwachses von 2% gegenüber der Vorsaison soll die Verfütterung ausmachen, wobei der wegen der Qualitätsprobleme überreichlich vorhandene Futterweizen am Markt in harte Konkurrenz zu Mais treten soll. Die Londoner Experten bestätigen auch den Preisdruck auf den internationalen Exportmärkten aufgrund des großen Angebots von Getreide, Ölsaaten und Reis. Der Preisindex des IGC für Getreide und Ölsaaten fiel gegenüber August um 7%, angeführt von den Subindices von Mais - dieser ist am niedrigsten Stand seit Juni 2010 - und Ölsaaten. Beim Weizen wiederum unterstreicht auch der IGC die Zweiteilung der Marktentwicklung mit gesunkenen Preisen bei niedrigen und mittleren Qualitäten sowie gestiegenen bei Durum und nordamerikanischem Sommerweizen - praktisch vergleichbar zum heimischen Premiumweizen. Für die Exportaussichten merken die Londoner Experten an, dass der Anstieg des US-Dollars gegenüber dem Euro die Ausfuhren der USA von Weizen und Mais negativ beeinflusse, während sie etwa die Schätzung für den Weichweizenexport der EU gegenüber dem Vormonat unverändert bei 24,8 Mio. t belassen.

Russland holen Folgen der Ukraine-Krise und Sanktionen ein - Aus dem Markt gepreist

Russland indes wird offensichtlich von ungeplanten Folgen seines Konflikts mit der Ukraine und seiner Sanktionen gegen Lebensmittelimporte aus der westlichen Welt eingeholt. Der laut IGC-Schätzung mit Weizenausfuhren von 22,5 Mio. t in 2014/15 global viertgrößte Exporteur (Nummer 1: EU, 26,7 Mio. t; Nummer 2: USA, 24,3 Mio. t; Nummer 3: Kanada, 22,9 Mio. t; Nummer 5: Australien, 18,8 Mio. t) hat sich nämlich praktisch aus dem Geschäft gepreist und muss sich - zumindest vorläufig - vom Weltmarkt verabschieden. Denn, obwohl der Absturz des Rubels im Gefolge des Konflikts mit der Ukraine und eine Rekordernte von möglicherweise über 100 Mio. t Getreide die Russen von der Papierform her auf den Exportmärkten eigentlich extrem wettbewerbsfähig dastehen lassen müssten, ist Weizen aus Russland zurzeit zu teuer, um das Rennen bei den angestammten Großkunden wie Ägypten oder Türkei zu machen.

Laut Berichten von Reuters unter Bezug auf Branchenkreise machten zurzeit das Geschäft die allesamt ungewöhnlicher Weise billiger anbietenden Länder Deutschland, Polen, Rumänien und auch Frankreich, das mit seiner schwächeren Weizenqualität aus der verregneten Ernte 2014 besonders aggressiv sowohl auf den Brot- als auch Futterweizenmärkten auftreten kann.

Nachfrageanstieg lässt Getreidepreise in Russland steigen

Dazu sei es gekommen, weil in Russland quasi als "Fall-out" der Ukraine-Krise die Binnenmarktpreise für Getreide entgegen der bearishen Weltmarktstimmung signifikant gestiegen sind. Zum einen habe der Ausfall von Lebensmitteleinfuhren durch die im August verhängten Sanktionen die russische Fleisch- und Nahrungsmittelproduktion zur Stillung der Nachfrage stimuliert und zum anderen stieg der Inlandsverbrauch an Getreide, weil die Zahl der zu ernährenden Menschen durch die Annexion der Krim und einen Flüchtlingsstrom aus der Ostukraine schlagartig um 3 Mio. in die Höhe ging. Die Analysten von Sovecon prognostizieren, der Getreideverbrauch Russlands komme 2014/15 um 4 Mio. t höher als im Vorjahr bei 71 Mio. t zu liegen und der von Weizen um 1,5 Mio. t bei 36,5 Mio. t.

Den Verbrauch zusätzlich in die Höhe trieben die hektischen Exportaktivitäten der letzten Monate. Dabei kam den Ausfuhren aus Russland zuerst - zwischen Februar und Juni dieses Jahres - der Rubelverfall beschleunigend zugute. Dieser Ausverkauf rächte sich aber damit, dass man mit relativ geringen Anfangsbeständen in die am 01.07. gestartete neue Saison gehen musste. Und diese begann man, obwohl die Ernte bis dato noch nicht komplett eigefahren ist, gleich wieder im Eiltempo bei den Ausfuhren mit einem Monatsrekord von 4,6 Mio. t im August. Denn die russischen Produzenten benötigen, abgeschnitten von den westlichen Kapitalmärkten und von den heimischen Banken mit hohen Zinsen konfrontiert, dringend Bares. Der Wettbewerb zwischen steigendem Binnenverbrauch und Aufkäufen für den Export setzte die Preisspirale noch schneller in Gang.

Landwirtschaftsminister Nikolai Fjodorow bezifferte den exportierbaren Getreideüberschuss seines Landes kürzlich mit 27 Mio. t bis 30 Mio. t (2013/14: 25,3 Mio. t), sofern die angepeilten mehr als 100 Mio. t Ernte auch tatsächlich eingefahren werden können - es sind ja erst 81% der Fläche abgedroschen. Am Freitag erhöhte sein Ressort die Ernteschätzung gar auf 104 Mio. t gereinigt. 2013 waren vor Reinigung 92,4 Mio. t eingebracht worden. 70% des Exportpotenzials, das sind 19 Mio. t bis 21 Mio. t, entfielen laut Fjodorow auf Weizen. Rund die Hälfte davon, nämlich gut 10 Mio. t, hätten die russischen Produzenten aber schon f verkauft, wovon der Löwenanteil von 9,2 Mio. t außer Landes gegangen sei. Und nunmehr begännen sie als Versicherung gegen das Wackeln der Landeswährung, den verbliebenen Weizen zurückzuhalten und das Angebot zu verknappen. Im September haben sich die Ausfuhren schon auf 3,7 Mio. t Getreide verlangsamt und sollen sich in der Folge noch weiter einbremsen.

Und nicht zuletzt setzt der russische Staat mit der Eröffnung der Getreideintervention Ende September zur Auffüllung der leeren Reserven eines auf die Preishausse drauf. Bis zu 5 Mio. t will der Staat aufkaufen.

Europa nutzt Exportabstinenz Russlands und der USA für seine Geschäfte

Nunmehr heißt es warten, bis die russischen Getreidepreise wieder auf ein international wettbewerbsfähiges Niveau herunterkommen. Auch die USA waren zuletzt wegen der Dollar-Stärke kaum wettbewerbsfähig und blieben auf Weizen und Mais sitzen. Vorige Woche erreichten die Weizenausfuhren nur enttäuschende 396.300 t. Diese Woche schlugen sich dann die gesunkenen US-Weizennotierungen in besseren Verkaufszahlen nieder, indem Importeure am Weltmarkt nach Schnäppchen jagten. Dies wiederum gab den US-Weizennotierungen in den letzten Tagen neuen Auftrieb. Zügig leeren sich vor allem die Sojalager mit Lieferungen an China. In der vorigen, der viertstärksten Sojabohnenexportwoche seit den Aufzeichnungen verkauften die USA 2,566 Mio. t Sojabohnen, wovon China alleine 2,385 Mio. t verschlang.

Die Exportabstinenz Russlands und der USA nutzen vor allem die Europäer aus, um ihr Getreide an den Exportmärkten loszuschlagen. Die EU vergab in den ersten 14 Wochen des Wirtschaftsjahres bereits Exportlizenzen für über 7,1 Mio. t Weichweizen. In der Vorwoche schlugen rund 650.000 t Weizenausfuhren zu Buche und diese Woche folgten 417.000 t. Die Summe der Lizenzvergaben liegt damit immer noch nahe der Rekordlinie aus 2013/14.

Frankreich gewann als Bestbieter am Mittwoch dieser Woche einen Weizentender Ägyptens über 120.000 t. Laut der staatlichen ägyptischen Getreideagentur GASC habe man den Weizen zur Verschiffung zwischen 01.11. und 10.11. um USD 241,20 pro t (EUR 191,38) c&f gekauft. Dies entspreche laut Händlern bei Frachtkosten von USD 17,50 (EUR 13,89) einem fob-Preis von USD 223,70 (EUR 177,50) pro t. Russische Offerte lagen auf fob-Basis zwischen USD 15,- und USD 22,- (EUR 11,90 bis EUR 17,46) pro t höher und eines aus der Ukraine um knapp USD 7,- (EUR 5,55). Damit konnten die russischen Anbieter im Preisvergleich c&f auch einen Transportkostenvorteil von rund USD 5,- (EUR 3,97) nicht mehr wettmachen.

Die positive Nachfrage nach französischer Ware unterstreiche, so Reuters, auch die Verladung eines Schiffes im Hafen von Rouen mit 60.000 t Futterweizen für Spanien. Die iberischen Mischfutterhersteller und Mäster decken sich nämlich sonst in der Regel mit Futtergetreide aus dem Schwarzmeerraum ein, weil es in Normaljahren dort billiger ist. Zur Entspannung der Lage trägt diese Lieferung auch für den Solobetreiber Senalia bei, der gut 40.000 t Weizen zu dieser Schiffsladung beisteuert. Denn der Senalia-Silo musste - als einer von nur zwei Erfüllungsorten für den an der Euronext in Paris gehandelten europäischen Weizenfutures - im September wegen Überfüllung auf unbestimmte Zeit jede weitere Weizenübernahme einstellen.