Getreidemärkte: Immer wieder Katerstimmung nach nur kurzen Lichtblicken

Trend zur Preisschwäche hält auch auf Österreichs Kassamarkt an.

Wien, 4. März 2016 (aiz.info). - Die depressive Stimmung auf den internationalen Getreidemärkten hielt diese Woche weiterhin an - verschlimmert wird sie bisweilen noch von kurz aufblitzenden Lichtblicken, die sich aber rasch wieder verdunkeln. Fundamental besteht keinerlei Hoffnung auf eine Befestigung der Preise im laufenden Wirtschaftsjahr bis zur neuen Ernte 2016 auf der Nordhalbkugel: Das gemanagte Kapital an den Warenterminbörsen setzt mit starken Nettoüberhängen an Short-Positionen - insbesondere beim Weizen - auf weiterhin sinkende Preise und verdient daran. Vorübergehende Kursgewinne aus Short-Covering zählen zu jenen nur kurzlebigen Lichtblicken, die danach eine nur noch schmerzhaftere Katerstimmung hinterlassen. Weitere sind einzelne Exportabschlüsse oder Unberechenbarkeiten der Politik wie in Russland oder Ägypten. Somit bewegen sich die Notierungen an den großen Warenterminbörsen dies- und jenseits des Atlantiks - an der Euronext in Paris und der CBoT in Chicago - um Tiefstwerte, wie seit mehr als fünf Jahren nicht mehr gesehen.

Am frühen Mittag des Freitags hielt der März-Mahlweizenkontrakt an der Pariser Euronext gerade einmal im blass hellgrünen Bereich bei 145 Euro/t und leicht unter dem Schlusskurs des vorigen Freitags von 145,50 Euro/t. Der März-Futures läuft allerdings am 10. März aus und der zuletzt stark zurückgegangene Open Interest verleiht ihm nur mehr begrenzte Aussagekraft. Mehr weist da der aktuell liquideste Folge-Termin Mai aus, er stand am Freitagmittag bei 156 Euro/t und 2 Euro gegenüber dem Donnerstag-Schlusskurs sowie 2,75 Euro gegenüber dem Vorwochenschluss im Plus. Am frühen Nachmittag gingen die Gewinne wieder verloren und die Euronext drehte beim März-Weizen wieder ins Rote.

Trend zur Preisschwäche auf Österreichs Kassamarkt hält an

An der Wiener Produktenbörse hielt am Mittwoch dieser Woche der Trend der vergangenen Notierungssitzungen an - die Preise geben allmählich nach. Premiumweizen konnte sich diesmal auf 186 Euro/t halten, Qualitätsweizen gab um 3 Euro/t auf 165,50 Euro/t nach und Mahlweizen nur einen Deut auf durchschnittlich 149 Euro/t. Damit weisen die heimischen Kassamarktpreise für die höheren Weizenqualitäten wenigstens einen positiven Abstand zu den Euronext-Notierungen aus. Aber es liege ja nicht nur hierzulande, sondern auch noch anderswo gute Qualität zum Verkauf bereit.

Etwas schwächer notierte auch der bis zuletzt stabil gebliebene Mahlroggen. Beim Futtergetreide wurde Gerste mit 130 Euro/t um 5 Euro niedriger bewertet als zuletzt Mitte Februar, wobei die untere Preiskante von 125 Euro/t einiges Staunen in der Branche auslöste. Allerdings fristet der Futtergerstenhandel hierzulande wegen des geringen Volumens nur ein Nischendasein. Mais aus inländischer Produktion - auch für industrielle Verwendung - wurde nicht gehandelt. Die Verarbeiter stehen an den Seitenlinien. Und wenn aus der kleinen heimischen Ernte 2015 schon nichts aufgenommen wird, steht ausreichend Mais aus Einfuhren zur Verfügung. Deklarationspflichtige Sojaschrotimporte verteuerten sich im Wochenabstand leicht, während heimische GVO-freie Ware etwas im Preis nachgab. Regenfälle, die die Ernte in Brasilien verzögern, ein etwas festerer Real und Exporterfolge der USA stützten zuletzt den Sojakomplex.

Trotz brummenden Weizenexports gedrückte Stimmung in der EU

Obwohl der Weizenexport aus der EU brummt, heißt es vor allem in der größten Exportnation, Frankreich, der schwache Saisonstart sei nicht mehr aufzuholen und der Getreideberg aus der Ernte nicht mehr abzubauen. Die EU-Kommission vergab in der abgelaufenen Berichtswoche Lizenzen für 690.000 t Weichweizen, womit sich die Ausfuhren in 2015/16 auf 18,4 Mio. t summieren, aber noch 2,4 Mio. t hinter dem Vorjahresrekord nachhinken. Die USA verkauften in der Woche bis 25. Februar nur 344.000 t Weizen.

Die Meldungen von den Märkten bleiben widersprüchlich. Sie sind nicht imstande, den Bullen zu mehr als kurzen Trabs Beine zu machen. So blieb die Beteiligung Frankreichs an der staatlichen ägyptischen Weizenausschreibung durch die GASC am vorigen Freitag mit 60.000 t ohne großen Nachhall; die Zuschläge für weitere 240.000 t an die Konkurrenz aus Argentinien, Rumänien und der Ukraine überwogen die Freude darüber. Auch heftige Exporttätigkeit Richtung Maghreb, nach Tunesien, Algerien und vor allem Marokko, hilft nicht. Marokko wurde im laufenden Wirtschaftsjahr von einer verheerenden Dürre heimgesucht und muss die Ernteausfälle durch vermehrte Weizeneinfuhren kompensieren. Händler vermuten laut Agenturberichten, das Königreich habe in der laufenden Saison seit Juli 2015 bereits 1,2 Mio. t Weizen am Weltmarkt gekauft - mehr als das Doppelte der 505.000 t im gleichen Abschnitt von 2014/15 und fast so viel wie die 1,3 Mio. t im gesamten vorigen Wirtschaftsjahr.

Verunsicherung durch Politik in Ägypten, Russland oder China

Zu sehr ist das Sentiment in Frankreich offensichtlich aber noch von Ägyptens "Mutterkorn-Politik" gedrückt: Die Quarantänebehörden Kairos hatten seit Dezember vorigen Jahres eine Reihe von Schiffsladungen Weizen aus mehreren Destinationen - von Frankreich bis Kanada - gestoßen, obwohl diese nachweislich weniger als die gemäß den internationalen Handelsusancen tolerierten 0,05% Mutterkornbesatz enthalten hätten. Eine derartig betroffene Schiffsladung von 60.000 t französischem Weizen der Firma Bunge soll nun dieser Tage von Ägypten nach Spanien umdisponiert worden sein. Obwohl die Ägypter nun wieder von ihrer Nulltoleranz beim Mutterkorn zu den international üblichen Grenzwerten abgerückt seien, bleibt Misstrauen: An einer am Montag eröffneten Ausschreibung zur Lieferung (zwischen 5. und 14. April) von Mahlweizen schwächerer Qualität wie Soft Red Winter oder der vergleichbaren französischen Definition beteiligten sich Exporteure aus der Grande Nation erst gar nicht. So schlug GASC am Donnerstag 180.000 t aus Rumänien und der Ukraine zu. Die fob-Preise der 120.000 t aus Rumänien bewegten sich laut Agenturen zwischen 176,93 und 179,50 USD/t (162,31 und 164,66 Euro), der Durchschnittspreis c&f habe 184,71 USD (169,44 Euro) betragen.

Früher diese Woche füllte Saudi-Arabien einen Tender über 870.000 t Weizen, allerdings höherer Qualität von mindestens 12,50% Protein. Den Löwenanteil von zwei Drittel bis drei Viertel dieses Deals soll sich Deutschland gesichert haben.

Zu Verunsicherung trug auch wieder Russland bei: Eine einzeilige Agenturmeldung am Montag, wonach Russlands Landwirtschaftsminister keinen Grund sehe, etwas an der Exportsteuer für Weizen zu ändern, brachte die Notierungen - aber wiederum nur kurzfristig - in die Höhe. Tage zuvor hatte es noch geheißen, zumindest für höhere Weizenqualitäten solle die Steuer gegen null gestellt werden. Dies hätte noch mehr und noch billigeren russischen Weizen auf den Weltmarkt gespült und auf die Preise gedrückt.

Die Regierung in Peking wiederum soll im Schilde führen, die staatlichen Aufkaufspreise von Mais in China für die Saison 2016/17 drastisch um 30% gegenüber dem gegenwärtigen Level auf umgerechnet 213,85 USD (196,18 Euro) zu senken, um die Anreize für die Verarbeiter, billigeren Mais zu importieren, zu verringern und die überbordenden Lager im eigenen Land zu leeren. Chinas bisherige Maisaufkaufspolitik habe die Inlandsmarktpreise um 30 bis 50% über Weltmarktniveau inflationiert, heißt es. Zum Vergleich: Aktuell notiert Mais an der Euronext in Paris bei 147,50 Euro/t. Die Maisproduzenten im Reich der Mitte sollen für den Preisschnitt nun mit Zahlungen aus der Staatskasse kompensiert werden.

Auch Meldungen zur neuen Ernte bleiben widersprüchlich und Trend nicht brechend

Widersprüchlich und keinen Aufwärtstrend "settend" fallen auch die Meldungen zu den Erwartungen an die kommende Ernte 2016 aus: Frankreich vermeldet einen ausgezeichneten Saatenstand, während es in den südlichen Plains der USA für die Weizenbestände zu trocken und zu warm sein solle und diese einem hohen Frostrisiko ausgesetzt seien. Australien hofft, sich vom Wetterphänomen El Nino, das Hitze und Dürre brachte, erholen zu können und setzt auf das Einsetzen dessen "kalter Schwester" La Nina, die Regen bringen soll. Damit hofft das Agraramt ABARES 2016/17 auf eine um 1% größere Weizenernte von 24,5 Mio. t nach 24,2 Mio. t zuletzt. Australien ist der viertgrößte Weizenexporteur der Welt und kann rund drei Viertel seiner Produktion auf den Weltmarkt ausführen.

Während Russland einer neuerlichen Superernte von bis zu 105 Mio. t Getreide (2015/16: 98,9 Mio. t) , davon 59 bis 62 Mio. t Weizen (2015/16: 61 Mio. t), wovon bis zu 33 Mio. t Getreide (23 bis 25 Mio. t Weizen) exportierbar wären, entgegenzublicken glaubt, gehen Händler in der Ukraine von einem Minus bei der Weizenernte 2016 von 20% aus. Dies würde nur 19 bis 20 Mio. t Weizen nach zuletzt 25 Mio. t bedeuten. Zu trocken sei es zur Aussaat gewesen.

Die UN-Landwirtschafts- und Ernährungsorganisation FAO prognostiziert in einer ersten Schätzung die globale Weizenernte 2016/17 mit 723 Mio. t. Dies wären nur 10 Mio. t oder 1,4% weniger als die zurzeit die Märkte drückenden 733 Mio. t aus 2015/16. Allerdings fällt die FAO-Prognose optimistisch aus, der internationale Getreiderat IGC lag mit seiner Prognose vor gut einer Woche zum Vergleich nur bei 711 Mio. t, was einem Minus von 21 Mio. t oder 3% entsprechen würde.