Neuerlich umstrittener WASDE-Bericht reißt Getreidemärkte nach unten

Marktteilnehmer zweifeln an Datenmaterial für bearishe Prognosen.

Wien, 14. Dezember 2012 (aiz.info). - Ein neuerlich von vielen Marktteilnehmern bezüglich Produktions- und Verbrauchsdaten umstrittener Monatsbericht des US-Landwirtschaftsministeriums USDA (WASDE, World Agricultural Supply and Demand Estimates) riss mit seinem bearishen Unterton vor allem wegen größer als vom Markt erwartet prognostizierten Weizenendlagern diese Woche die internationalen Terminmärkte nach unten. Die Märkte zeigten sich überrascht und setzten erste Schockreaktionen, allerdings zweifeln zahlreiche Marktteilnehmer die den bearishen Prognosen zugrundeliegende Datenbasis an.

 

Die Schlusskurse des Pariser Weizenfutures an der Euronext für den Frontmonat Jänner 2013 verloren von vergangenem Freitag bis Donnerstag dieser Woche EUR 13,- pro t oder 4,8% auf ein Acht-Wochen-Tief von EUR 255,75 pro t. Ähnliches spielte sich mit dem Soft Red Winter-Futures an der CBoT in Chicago mit 6%igen Verlusten ab. Am Freitag Vormittag gab es sowohl im elektronischen Handel an der CBoT als auch im Parketthandel an der Euronext - hier gegen 13.00 Uhr mit einem Plus des Jänner-Weizenfutures von EUR 3,- pro t - wieder erste Zeichen der Besinnung auf die Fundamentals und der Erholung. Auch ins Minus, wenngleich nicht so drastisch, ließen sich die Maiskurse vom Weizen ziehen, obwohl der WASDE-Report gegenüber dem November kaum etwas an der mit 13,64% extrem engen Ratio von stock to use ändert. Lediglich der Sojakomplex konnte sich behaupten.

Kassamärkte reagieren mit frischer Nachfrage, gelassen oder mit Zuwarten

Mit entweder anspringender Importnachnachfrage wegen einer erhofften Verbilligung etwa in Asien oder mit Zuwarten und ihrer Verabschiedung in die Weihnachtsruhe in Europa reagierten die Kassamärkte. Die Preise für physisch gehandelte Ware sind sich ihres Wertes offensichtlich viel bewusster als die der Notierungen an den Terminmärkten - zumal an den US-Börsen auch die Angst vor der "Fiskalischen Klippe" im Streit zwischen Demokraten und Republikanern umgeht.

 

In Deutschland dagegen verlangen Lagerhalter für Standard-Mahlweizen weiterhin unbeirrt Prämien von bis zu EUR 14,- pro t auf die Euronext-Kurse. "Das reflektiert die Annahme der Weizenanbieter, dass der Fall der internationalen Preise in dieser und den vorangegangenen Wochen nicht gerechtfertigt ist angesichts der über alles engen Aussichten für die globale Versorgung und der guten für die Exporte aus Westeuropa, nachdem die Vorräte der Mitbewerber Russland und Ukraine ausverkauft sind", zitiert Reuters einen deutschen Händler.

Heftige Exportaktivitäten der EU stützen Preise fundamental

Trotzdem der Euro über USD 1,30 notiert, unterstützen heftige Weizenexportaktivitäten der EU die physischen Preise. Mit Lizenzen für 583.000 t Weizen löste die EU-Kommission in der abgelaufenen Woche das drittgrößte Exportvolumen in diesem Wirtschaftsjahr aus. Damit hält die EU im laufenden Wirtschaftsjahr bei 8,6 Mio. t Weizenausfuhren, was trotz der heuer kleineren Ernte um fast ein Viertel mehr ist als die 6,9 Mio. t im Vergleichszeitraum 2011/12. Hält das Exporttempo so an, hätte dies in der ganzen Saison 2012/13 Weizenausfuhren von 18,5 Mio. t nach 12,5 Mio. t im letzten Wirtschaftsjahr zur Folge.

 

Die Weizenausfuhren der USA blieben dagegen mit 573.400 t auf einem für amerikanische Ansprüche bescheidenen Niveau und der Maisexport mit 272.600 t gar auf enttäuschenden Tiefständen. Dennoch hält sich auch in den USA der Kassamarkt für Weizen über den Börsenniveaus. Allerdings brachen diese Woche auch die im BDI (Baltic Dry Index) wiedergegebenen Ozeanfrachtraten stark ein, sodass sich zusammen mit den jüngsten Notizverlusten US-Weizen langsam an den bisher billigeren Mitbewerb aus Europa annähert.

 

Lediglich die wöchentlichen Sojaausfuhren der Vereinigten Staaten übertrafen mit 1,3 Mio. t alle Erwartungen. Damit und weil Niedrigwasser auf dem Mississippi den Warenabfluss an den Golf von Mexiko bremst, hält sich der Sojakomplex als einziger fest. Den Preisen am Weltmarkt setzten lediglich die optimistischen Ernteprognosen für Brasilien einen Deckel auf.

USDA sieht leicht gebremsten Abbau der globalen Weizenbestände

Das USDA setzt in seinem Dezember-Report (siehe auf www.aiz.info unten Tabelle "WASDE: USDA-Prognose zu Welt-Versorgungsbilanzen - Dezember 2012") gegenüber dem Vormonat die globale Weizenernte um 3,7 Mio. t - vor allem in China, Australien und Kanada - hinauf und vermindert als Folge der hohen Preise den Verbrauch um 1,2 Mio. t. Damit fallen 2012/13 die Endbestände zwar immer noch um 18,8 Mio. t auf 177 Mio. t oder eine Ratio stock to use von 26,26%, der Bestandsabbau bremst sich aber damit lediglich gegenüber der letzten Prognose um 4,9 Mio. t ein. In den USA kommt es demnach sogar zu einem leichten Bestandsaufbau um 300.000 t auf 20,51 Mio. t oder 31,6% Anteil am Verbrauch, weil das USDA die trüben Exportaussichten der Vereinigten Staaten bei gleichbleibendem Angebot um 1,4 Mio. t auf 28,6 Mio. t senkt. Dies drückte in einer ersten Reaktion die Weizenfutures dies- und jenseits des Atlantiks deutlich in den roten Bereich, an der Pariser Euronext wieder unter die nächste Widerstandslinie von EUR 260,- pro t.

WASDE: USDA-Prognose zu Welt-Versorgungsbilanzen - Dezember 2012

2011/12 2012/13 Veränderung zu
Prognose Vormonat
Weizen
Ernte 696.43 655.11 3.68
Angebot 894.2 850.88 1.56
Verbrauch 698.44 673.93 -1.21
Endbestand 195.77 176.95 2.77
Bestandsänderung -2.00 -18.82 -4.89
zu Vorjahr
Ratio stock/use 28.03% 26.26% -0.25%
Mais
Ernte 881.75 849.09 9.39
Angebot 1008.81 980.13 8.35
Verbrauch 877.77 862.52 8.73
Endbestand 131.04 117.61 -0.38
Bestandsänderung 3.98 -13.43 -0.66
zu Vorjahr
Ratio stock/use 14.93% 13.64% -0.18%
Getreide gesamt
Ernte 2313.99 2239.4 12.65
Angebot 2775.01 2705.56 9.43
Verbrauch 2308.85 2279.61 6.99
Endbestand 466.16 425.95 2.44
Bestandsänderung 5.15 -40.21 -5.66
zu Vorjahr
Ratio stock/use 2.019% 1.868% 4%
Ölsaaten
Ernte 442.55 462.99 0.89
Angebot 524.44 529.18 1.73
Verbrauch 393.59 393.56 1.13
Endbestand 66.19 66.86 0.32
Bestandsänderung -15.71 0.67 -0.52
zu Vorjahr
Quelle: WASDE-Bericht des USDA, 11. Dezember 2012, eigene Berechnungen, Angaben in Mio. t. Anmerkungen: Getreide enthält Weizen, alle Futtergetreide inklusive Mais und Reis. Verschrotung, Vermahlung und pflanzliche Ölproduktion sind beim Verbrauch von Ölsaaten in Abzug gebracht. Verbrauch und Endbestand betreffen nur Ölsaaten. Nächster WASDE-Bericht: 11. Jänner 2013
Beim Mais setzt der WASDE-Report im Vergleich zum November die weltweite Ernte zum Großteil auf das Konto Chinas (plus 8 Mio. t Maisernte gegenüber November) um 9,4 Mio. t hinauf und die Anfangsbestände um 1 Mio. t hinunter, nimmt aber gleichzeitig an, dass die relativ zum Weizen günstigen Preise auch einen im Monatsabstand um 8,4 Mio. t vergrößerten Verbrauch erlauben. Damit bleibt die Bilanz mit einer kaum veränderten Ratio von stock to use von 13,64% sehr angespannt. Im Vergleich zum Vorjahr bleiben die Verbrauchsschätzungen für Weizen, Mais und Getreide insgesamt jedoch erstmals seit 14 Jahren im Minus. Sogar der Ölsaatenkonsum stagniert eine Spur.

WASDE-Reports sind Bibel für Terminbörsen - Neuerlich Zweifel an Daten

Die monatlich veröffentlichten WASDE-Berichte des Washingtoner Landwirtschaftsministeriums werden von den Terminmärkten wie die Bibel aufgesogen und trotz in der jüngsten Vergangenheit mehrmals heftig umstrittener Datenbasis und Grundaussage zumeist ziemlich eins zu eins in die Futures-Kurse eingepreist.

 

Allerdings wirft auch der Dezember-WASDE-Bericht bei vielen Marktbeteiligten neuerlich Zweifel auf, ob die dem bearishen Tenor zugrunde gelegten Daten tatsächlich der Realität entsprechen. "Das sind negative Zahlen, aber wir müssen uns fragen, ob sie stimmen", gibt Reuters einen Chicagoer Marktbeteiligten damit wieder, was viele in der Branche denken. Oder, so die Meinung eines anderen Händlers: "Die Leute wurden vom USDA überrascht, aber sie glauben die Zahlen nicht wirklich." Dennoch setzten die Terminbörsen wahre Schockreaktionen.

 

Die Berichterstattung der letzten Tage liefert einige Beispiele, die tatsächlich aber dazu angetan sind, die Bilanzrechnungen des USDA kippen zu lassen: Während das Washingtoner Ressort seiner globalen Weizenbilanz noch 11,5 Mio. t Weizenernte in Argentinien zugrunde legt, revidierte die Getreidebörse in Buenos Aires ihre Ernteprognose von zuletzt ohnehin nur mehr 10,1 Mio. t um 320.000 t auf 9,8 Mio. t nach unten. Argentiniens Weizenernte wird von exzessiven Regenfällen und in der Folge von Pilzbefall heuer massiv, um bis zu ein Drittel, geschmälert, Die Regierung im Buenos Aires kürzte erst undlängst die ursprünglich mit 6 Mio. t freigegebene Weizenexportquote auf 4,5 Mio. t. Im Gegensatz zum USDA sieht das australische Rohstoffamt ABARES die globalen Weizenendbestände 2012/13 nicht bei 177 Mio. t , sondern nur bei 174 Mio. t, weil es die Ausfuhren des eigene Landes mit 19 statt 18 Mio. t und die der USA weiterhin mit 30 statt 28,6 Mio. t ansetzt.

Wundersame Maisvermehrung in China wird von Sinograin nicht gesehen

Die größte Differenz in den Prognosen tut sich allerdings bei der vom WASDE-Bericht konstatierten wundersamen Maisvermehrung in China auf. Während das USDA die Maisernte im Reich der Mitte gegenüber dem November um 8 Mio. t auf 208 Mio. t hinaufrevidiert, nahm die staatliche Verwaltungsgesellschaft der Getreidelager Chinas, Sinograin, heute Freitag, die Ernteerwartung um 10 Mio. t auf 197,8 Mio. t zurück und sieht bei wachsendem Verbrauch ein leichtes Defizit in der Bilanz des global zweitgrößten Maisverbrauchers. Auch in der Prognose für die Maisernte Argentiniens ist das USDA mit 27,5 Mio. t optimistischer als die Börse in Buenos Aires, die 26 bis 27 Mio. t schätzt.

 

Bei derart eng beieinanderliegenden Angebots- und Nachfragedaten wie zurzeit auf den Weltmärkten und weiterhin bestehenden Unwägbarkeiten der Natur können nur wenige Millionen Tonnen auf und ab auf jeder Seite der Bilanzen jederzeit in den roten oder grünen Bereich umdrehen.

Strategie Grains prognostiziert um 5% größere Weizenfläche in der EU

Die französische Analyse Strategie Grains prognostiziert in der EU zur kommenden Ernte 2013 eine gegenüber heuer um 5% größere Weizenfläche auf einem rekordwert von 23,9 Mio. ha, während der Gerstenanbau um 35 auf 12,1 Mio. ha und der von Mais um 1% auf 9,1 Mio. ha zurückgehen soll. In ersten Ertragsschätzungen sprechen die Experten von einem Plus bei der kommenden Weizenernte von 9% (134,2 Mio. t nach 122,9 Mio. t), ganz knapp stagnierenden Gerstenmengen von 54,1 Mio. t und einem satten Zuwachs der Maiserträge um 16% auf 63 Mio. t nach 54,2 Mio. t.

Viel Unsicherheit in Ernteprognosen 2013 am Beispiel minus 35 Grad in Wolgaregion

Allen Ernteprognosen für 2013 stehen allerdings noch eine Reihe unkalkulierbarer Launen der Natur im Wege. Dies zeigt das Beispiel Russlands. Ungewöhnlich tiefe Temperaturen von 7 Grad Celsius oder mehr unter dem Durchschnitt suchen dort mit Nachtfrösten von minus 25 bis 35 Grad die südliche Wolgaregion heim, ohne dass vorher Schnee gefallen wäre und sich eine schützende Decke über die Wintersaaten hätte ausbreiten können. Die Wolgaregion steht für rund ein Drittel der Wintergetreidefläche Russlands.

Österreichischer Kassamarkt blieb bis Mittwoch noch gelassen

Der österreichische Kassamarkt für Getreide reagierte - so wie in den meisten Ländern - bisher relativ gelassen auf die jüngste Schwäche der internationalen Terminmärkte von Weizen und Mais. Obwohl das Kalenderjahr schon weit fortgeschritten ist und kurz vor Weihnachten das Geschäft meist schon einschläft, wurden in der abgelaufenen Woche dennoch weiterhin Kontrakte für Premiumweizenlieferungen - meist nach Italien - abgeschlossen. Am Mittwoch dieser Woche notierte die Wiener Produktenbörse den Premium- als den einzigen zurzeit am Kursblatt befindlichen Weizen am oberen Ende des Preisbandes um EUR 2,- pro t und den Durchschnitt mit EUR 267,50 um gerade einmal EUR 1,- pro t niedriger als in der Woche zuvor. Durumweizen wurde ebenfalls weiter gehandelt und hielt seinen Preis von EUR 304,- pro t.

 

Bei Mais wechselte der Futtermais die letzte Woche notierte Industriemaisqualität ab. Die bei EUR 245,- um EUR 3,- pro t höher als zuletzt beim Industriemais angesetzte Notierung der Futterqualität lässt auf eine Preisbefestigung oder zumindest eine realistische Wiedergabe des Marktes schließen, da die vorwöchige Notierung ja als eher unterbewertet gegolten hat.

 

Nach einigen Wochen wurden auch wieder Rapsumsätze getätigt, wobei die Notierung mit EUR 462,50 pro t unter der Letztbewertung liegt. Spürbar teurer wurden dagegen im Wochenabstand, als Abbild der zuletzt an den Tag gelegten internationalen Stärke des Sojakomplexes, die Importe von Sojaschrot, wobei GVO-freie Ware neuerlich deutliche Aufpreise verlangt. So zog etwa im Wochenabstand Sojaschrot mit 49% Protein, der GVO enthalten kann, um EUR 30,- auf EUR 510,- pro t an und nicht deklarationspflichtiger, GVO-freier 49er-Sojaschrot notierte bei EUR 570,-, also mit einem Aufpreis von fast 12%.

Kiew hat ausreichende Vorräte für eventuelle Eingriffe am Nahrungsmittelmarkt

In der Ukraine sind 2012/13 erstmals seit zwei Jahrzehnten staatliche Sicherheitsvorräte an Agrar- und Ernährungsgütern angelegt worden, die den internationalen Normen entsprechen. Das hob Landwirtschaftsminister Nikolai Prisjashnjuk kürzlich hervor. Die Reserven ermöglichten die Gewährleistung stabiler Preise durch Verkaufsinterventionen, so Prisjashnjuk. Heuer werde aus Interventionsgetreide erstmals Mehl mit dem Ziel hergestellt, dieses dann an Brotfabriken in ausgewählten Regionen zu Festpreisen zu veräußern. Die aktuellen Vorräte im Agrarfonds bezifferte Prisjashnjuk auf rund 1,9 Mio. t Getreide sowie 12.300 t Mehl, 176.000 t Zucker, 1.700 t Butter und 1.300 t Trockenmilch.

Litauen kann fast die Hälfte seiner Getreideernte 2012 exportieren

Die diesjährige Rekordernte in Litauen ermöglicht dem baltischen Land relativ umfangreiche Ausfuhren von Getreide. Nach vorläufigen Schätzungen sind dort heuer rund 4,1 Mio. t Getreide eingebracht worden, nach mehr als 3,2 Mio. t in der Saison 2011. Mit 2 Mio. t wird das Exportpotenzial auf beinahe die Hälfte der gesamten Produktionsmenge geschätzt. Laut Angaben des nationalen Informationssystems für den Agrar- und Nahrungsmittelmarkt sind allein im Oktober rund 311.400 t Getreide exportiert worden und damit doppelt so viel wie im gleichen Monat vergangenen Jahres. Dabei stellte Weizen fast 90% der gesamten Exporte.