Österreich ist "Europameister" bei der Verbauung und Zerstörung fruchtbaren Bodens

Agrarische Vorrangflächen gesetzlich schützen - Anreize zur Nutzung leerer Immobilien.

Wien, 12. Oktober 2015 (aiz.info). - Österreich pflegt einen "viel zu sorglosen Umgang mit Grund und Boden", was weitreichende Folgen hat. So gehen nicht nur Wasserspeicher verloren - wodurch Hochwasser- und Überschwemmungsschäden zunehmen -, sondern auch CO2-Speicher, was die Klimaerwärmung rascher vorantreibt. Wie sorglos tatsächlich mit dieser Lebensgrundlage umgegangen wird, verdeutlichen Vergleichszahlen: so werden in Österreich täglich 20 ha landwirtschaftliche Fläche verbaut, die durchschnittliche Größe eines Bauernhofes. "Wir betonieren jährlich 0,5% unserer Böden zu - doppelt so viel wie Deutschland oder die Schweiz", veranschaulichte der Vorstandsvorsitzende der Österreichischen Hagelversicherung, Kurt Weinberger, heute bei einer Pressekonferenz. Wenn diese Fehlentwicklung nicht korrigiert werde, ziehe das neben den klimatischen Effekten auch eine schwindende Attraktivität unserer Heimat für den Tourismus, die Gefährdung Tausender Arbeitsplätze in der Landwirtschaft, aber vor allem den Verlust der Lebensmittel-Versorgungssicherheit nach sich, zeigte Weinberger auf.

Die notwendige Ackerfläche für die Versorgung der heimischen Bevölkerung gibt es tatsächlich in Österreich gar nicht mehr. Um seinem persönlichen Lebensstil nachkommen zu können, würde jeder Bürger 3.000 m2 landwirtschaftliche Fläche benötigen. In Inland hat er dafür aber nur 1.600 m2 zur Verfügung, beansprucht demnach bereits 1.400 m2 im Ausland. Prognosen zufolge werden es in wenigen Jahrzehnten pro Kopf nur mehr 1.000 m2 sein. "Wir sind also bereits jetzt schon sehr verletzbar. Und ist der Boden einmal verbaut, ist er unwiederbringlich verloren, er ist tot", so Weinberger.

Überörtliche Steuerung sollte Ermessensspielraum der Gemeinden bei Flächenwidmung massiv einschränken

Ein "Patentrezept", um diesem Negativtrend gegenzusteuern, gibt es laut Gottfried Holzer, Professor an der Universität für Bodenkultur (Wien), nicht. Für eine umfassende Bodenschutzstrategie sei ein Zusammenwirken raumplanerischer Instrumente mit einer Reihe weiterer Maßnahmen notwendig. Neben Bewusstseinsbildung sollte demnach die örtliche Raumplanung zwar bei den Gemeinden bleiben, allerdings wäre im übergeordneten Interesse eine bindende überregionale Steuerung auf Landesebene notwendig, die den Ermessensspielraum der Kommunen bei Flächenwidmungen massiv einschränken, konkret landwirtschaftliche Vorrang- sowie Siedlungsflächen festlegen müsste. Hierbei seien Bodenqualität und Bodenbewertung miteinzubeziehen. "Raumplanung muss mehr sein als die Summe der subjektiven Einzelwünsche, und es kann einfach nicht sein, dass im Hinblick auf unsere Versorgungssicherheit mit heimischen Lebensmitteln und Ressourcen Landwirtschaft nur noch das ist, was übrig bleibt, wenn alle anderen Raumansprüche befriedigt sind", betonte Holzer.

Anreize zur Mobilisierung von Leerständen

Denkbar wären ebenso Förderungen zur wirtschaftlichen Revitalisierung stillgelegter Immobilien. "Laut Umweltbundesamt gibt es österreichweit 13.000 ha ungenutzte Industriehallen, bei Berücksichtigung aller leerstehenden Wohn- und Geschäftsimmobilien sind es rund 50.000 ha. Diese müssen wir durch entsprechende Anreizsysteme wieder wirtschaftlich nutzbar machen. Eine Rückführung dieser Brachflächen würde - ebenso wie die Revitalisierung von Ortskernen anstelle von Neubauten im Grünen - der Versiegelung entgegenwirken", ist Weinberger überzeugt. Die Schweizer Regierung, "wo der Bodenverbrauch virulenter ist als in Österreich", versucht laut Roland Norer, Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Agrar- und Umweltrecht sowie Professor an der Universität Luzern, der Verbauung mit einem gesteigerten Kulturflächenschutz gegenzusteuern, wie einer Mehrwertabschöpfung beim Verkauf umgewidmeter Böden, die in Kürze in Kraft treten soll. Außerdem gibt es Volksinitiativen zum Erhalt des Kulturlandes mit dem Hauptargument der Sicherstellung der Ernährungssicherheit. Die Schweiz und Finnland haben den niedrigsten Selbstversorgungsgrad aller europäischen Länder.