Wintertagung: Experte erwartet langfristig positive Preisentwicklung bei Getreide

Schumacher: Kurzfristig überwiegen bearishe Signale und Volatilität.

St. Pölten, 10. Februar 2016 (aiz.info). - "Nachdem wir global mittlerweile die dritte Rekordernte bei Getreide mit einer Produktion von fast 2 Mrd. t verzeichnen und der weltweite Verbrauch nur durchschnittlich zunimmt, werden auf dem internationalen Getreidemarkt vorerst die bearishen Faktoren preisbestimmend sein. Auch der extrem niedrige Ölpreis, der bekanntlich eng mit den Notierungen von agrarischen Rohstoffen korreliert, wirkt sich hier negativ aus. Die Produzenten müssen sich auch auf eine anhaltend starke Volatilität bei den Notierungen einstellen, dazu tragen auch die spekulativen Fonds bei. Langfristig sprechen jedoch die Fundamentaldaten dafür, dass das Preisniveau wieder steigt." Dies erklärte heute der Agrarhandelsexperte Klaus-Dieter Schumacher (er ist Repräsentant und Berater des deutschen BayWa Konzerns) in St. Pölten beim Ackerbautag im Rahmen der Wintertagung des Ökosozialen Forums.

In der zweiten Hälfte des Wirtschaftsjahres 2015/16 dürften auf den internationalen Getreidemärkten noch die bearishen Signale preisbestimmend sein, erwartet Schumacher. "In mehreren Ländern wie etwa in Nordamerika und in Russland lagern noch große unverkaufte Mengen an Getreide in der Landwirtschaft, die werden in absehbarer Zeit auf den Markt kommen. Außerdem sind für die neue Ernte bisher keine nennenswerten Wetterprobleme - ausgenommen in Indien - bekannt. Auch der Politikwechsel in Argentinien wird ein zusätzliches Angebot auf den Markt bringen. Dazu kommt noch der anhaltende Preisdruck durch die allgemeine Schwäche der Rohstoffpreise, speziell bei Erdöl", erläuterte der Experte.

Megatrends beeinflussen Preisentwicklung

"Mittel- und langfristig bleiben jedoch auf den internationalen Getreidemärkten trotz aller Volatilitäten die Fundamentalfaktoren preisbestimmend. Die Mega-Trends werden auf den Agrarmärkten unverändert die Richtung vorgeben", so Schumacher. Er verwies auf das anhaltende Wachstum der Weltbevölkerung - im Jahr 2050 seien mehr als 9 Mrd. Menschen zu ernähren. Laut Berechnungen der FAO müsse die globale Nahrungsmittelproduktion um mindestens 70% gesteigert werden. Ein zusätzlicher Bedarf ergebe sich durch die Verwendung von Agrargütern als nachwachsender Rohstoff für die Erzeugung von Biokraftstoffen oder für die Bioökonomie. Durch die Zunahme des verfügbaren Einkommens in Ländern mit deutlichem Wirtschaftswachstum steige ebenfalls die Nachfrage nach Lebensmitteln.

"Diese Rahmenbedingungen werden dazu führen, dass die Agrarpreise nicht auf das Niveau von Anfang dieses Jahrtausends zurückfallen. Allerdings wird die ausgeprägte Volatilität auf allen Agrarmärkten bestehen bleiben. Dazu trägt auch die starke Abhängigkeit von der weiteren Entwicklung der Erdölpreise bei", so Schumacher. Wie stark künftig der Einfluss der Investmentfonds ("Money Funds") auf die Rohstoffpreise sein werde, hänge von der konkreten Umsetzung der geplanten Bankenregulierung (Richtlinie über Märkte für Finanzinstrumente, kurz: MiFID) ab.

Zugang zu Rohstoffen gewinnt an Bedeutung

Als einen weiteren Trend nannte der Experte die langfristige Sicherung des Zugangs zu Rohstoffen, diese rücke immer stärker in den Vordergrund. Das zeige sich besonders in der Ukraine, in Afrika und Südamerika. China sei hier besonders aktiv: Das Reich der Mitte wolle die Ernährung seiner Bevölkerung umfassend sicherstellen und gehöre mittlerweile zu den weltweit größten Agrarhändlern. Weiters werde es ein stärkeres Nebeneinander von regionalen und internationalen Vermarktungsstrukturen geben, dies erfordere massive Investitionen in die Infrastruktur. Generell werde die Bedeutung des Agrarhandels in den kommenden Jahren deutlich zunehmen, sagte Schumacher.

Er sprach sich abschließend für eine weitere nachhaltige Intensivierung der Landwirtschaft aus, dafür müsse auch die politische und gesellschaftliche Akzeptanz geschaffen werden. Ansonsten könne die Ernährung der wachsenden Weltbevölkerung nicht gewährleistet werden. In diesem Zusammenhang sollte die wissensbasierte Land- und Agrarwirtschaft gefördert und die entsprechende Forschung forciert werden. Produktivitätssteigerungen sollten nicht nur zugelassen, sondern aktiv angestrebt werden. Es sei künftig auch notwendig, die Nutzung zusätzlicher Anbauflächen zu ermöglichen, stellte Schumacher fest.

Schumacher ist seit dem Frühjahr 2014 bei der BayWa AG und hat in seiner Tätigkeit als General Manager Agricultural Markets and Strategy den Bereich der Agrarmarktanalyse und -bewertung aufgebaut. Seit Anfang Jänner 2016 ist er freiberuflich als Repräsentant und Berater im Agrarbereich des gesamten BayWa-Konzerns tätig. Vor seinem Engagement bei der BayWa war er 25 Jahre bei Toepfer International in Hamburg beschäftigt.