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Die Liebe (zu den Bauern) in Corona Zeiten

Nachricht vom 26.03.2020

Von meiner Mutter kenne ich den Spruch, Hunger ist der beste Koch. Der zweitbeste sind Bilder von leergeräumten Regalen in Geschäften. In Zeiten wie diesen entdecken manche wieder die Liebe zum Bauern ums Eck.

Von Haus (und Hof) aus sind Bauern einiges gewohnt. Die Arbeit unter freiem Himmel, von Politikern in Zeiten der Erntedankfeste regelmäßig bildlich  auch so angesprochen, ist und war immer schon hoch riskant. Kaum ein Jahr vergeht, indem nicht Trockenheit die Ernte bedroht oder Stürme, poetisch benannt nach Kyrill, Paula oder Vaia, den Wald flach legen oder Muren und Hochwasser Arbeit und Leben begrenzen. Freilich, in Zeiten des Klimawandels, mit noch größeren und  umfassenderen Folgewirkungen.  Sturmschäden und Borkenkäfer nagten in den letzten Jahren an den hölzernen (Geld)truhen der Bauern, denn mit dem hohen Schadholzanteil fielen die Holzpreise, deren Anteil an den Einkünften aus Land & Forstwirtschaft durchschnittlichen bei 50% liegen (Grüner Bericht Kärnten 2018) um etwa ein Drittel. Derzeit stehen die Holzexporte nach Italien, weil die Sägewerke im Wachkoma liegen.

Ein Virus stellt alles auf den Kopf. Einer breiten Bevölkerung wird bewusst, dass Leben niemals risikolos ist; weder ist es die Gesundheit noch die Arbeitsplätze noch die Kreditlinien, wie uns die Finanzkrise gelehrt hat. Wie wohltuend ist daher, nach den Hamsterkäufen von Nudeln, Mehl und Klopapier, die Erkenntnis, dass es Bauern gibt, die vor Ort die Lebensmittelsicherheit garantieren. Als gelerntem Österreicher beruhigt einmal die Tatsache, dass die Selbstversorgung bei Wein bei 101% (Statistik Austria) und bei Bier bei 105% (Statistik Austria) liegt. Wie man die Pest Sturz betrunken überlebt, zeigt uns die Geschichte vom lieben Augustin. Schnaps ist tatsächlich noch immer das beste Desinfektionsmittel, weshalb der Bioethanol-Produzent Agrana  seinen hochenergetischen Wirkstoff aus Kartoffeln und Mais nicht mehr nur in  Autotanks  füllt sondern sondern auch an  Krankenhäuser vertreibt.

Brot haben wir, Raiffeisen sei Dank, im Überfluss  in Österreich, blöderweise wird die Hefe  erstmals knapp, weil alle zu Hause selber backen wollen. Die alten Hausmittel gegen Lungenkrankheiten greifen nur begrenzt. Bei Zwiebeln liegt der Selbstversorgungsgrad bei 119%, bei Honig aber nur bei schwachen 45%. Wer auf Vitamine zurückgreifen möchte, dem bleibt Kraut (86% Selbstversorgung), Salat (83%) und Obst (40%). Aber dazu braucht´s schon wieder Glück und offene Grenzen; denn 5.000 Saisoniers aus Osteuropa und dem Balkan sorgen dafür, dass die Tische jährlich reich gedeckt sind. Für diese Saisonpendler hat Deutschland  gerade die Grenzen dicht gemacht. Die Apfelernte wird zunehmend zum Roulette, nachdem die Blüte wegen der Erderwärmung immer früher einsetzt und Spätfröste zum Rien ne va plus, zum Nichts geht mehr, rufen.

Hat man einmal Fieber, wie gut tut da eine Hühnersuppe. (82% Selbstversorgung); ist man bereits auf dem Weg zur Besserung greift man zum Glas Milch (164% Selbstversorgung). Genesen, braucht man wieder Kalorien: Ein Schweinsschnitzel (101%), bitte kein echtes Wienerschnitzel, denn Kalbfleisch für Schnitzel wird vorwiegend importiert, während heimische Kälber zu Billigpreisen ins ferne Ausland gekarrt werden. Bei Rindfleisch liegt die Selbstversorgung bei stolzen 141%, weil der Durchschnittsösterreicher nur 12,1kg jährlich davon  isst. Der Rest muss in den Export oder in die Tiefkühllager, zumindest eine Zeitlang, genauso wie die Milch, zu Milchpulver verarbeitet.

Die Auswirkungen fallender Preise in gesättigten Märkten tragen die Bauern. Zwei Cent verdienen sie an der halben Bier, 9 Cent an dem Viertelglas Milch, 18 Cent beim  Kilogramm Mischbrot und 21 Cent bei einer Portion Schweinskotelett. (Jeweils Deutscher Bauernverband Sitbericht 2020, aus Top Agrar) Und dabei haben sie noch Glück, die Bauern! Denn etwa 9.000 Fremdarbeitskräfte aus Ungarn, Tschechien, Slowakei und Rumänien halten Österreichs Fleischindustrie am Laufen. Bleiben sie aus, dann wird ganz Österreich zum „Gnadenhof“, denn niemand sonst übernimmt das Schlachten und Zerteilen im Akkord.

Eingekauft wird immer noch im Supermarkt; drei Lebensmittelketten halten 85% Marktanteil. Der Wettbewerb  wärmt das Börserl des Verbrauchers, für Bauern ist der Kampf jedoch ruinös. Lebensmittel sind neben Bier die beliebtesten Aktions-Lock-Artikel. Und in der Krise mutiert die Verkäuferin in ganzseitigen Anzeigen, sonst mitleidig gemustert und billig Teilzeit-bezahlt,  zur Heldin der Arbeit. Die Marktmacht ist so groß, dass die Lebensmittelketten ungeniert auch mit Non-food Artikeln werben, während Tausende Handelsbetriebe geschlossen haben.

 „Ich kaufe nur beim Bauern ums Eck“, versichern mir Freunde.  22,2 Millionen stark war 2018 (Grüner Bericht Kärnten) der bäuerliche Direktvermarktungsumsatz in Kärnten  über Buschenschenken, Bauernmärkte, Hofverkäufe und prekären Selbstbedienungshütten. 1,5 % Marktanteil nach meiner groben Schätzung am Kärntner Lebensmittelumsatz.

Was hält sie noch bereit, die größte Krise ever. „Pandemien sind Zufall zum Quadrat“, schreibt Bernd Ulrich in der Zeit. Vor einem Monat habe ich bei der Risiko-Evaluierung für unseren Betrieb der Afrikanischen Schweinepest eine  hohe Eintrittswahrscheinlichkeit von 70% im Wirtschaftsjahr  attestiert. Die letzten verendeten Wildschweine lagen nur 20km von der deutschen Grenze entfernt.  Die Tierseuche, die in China praktisch die Hälfte des Schweinebestandes hinweggerafft hat, hat dort die Erzeugerpreise auf 6 Euro je Kilogramm gehievt und  auch bei uns die Erzeugerpreise um mehr als 30 Prozent auf 2 Euro je Kilogramm gehoben. Ein Seuchenausbruch hätte uns tief getroffen, aber im Rückblick lächerlich zu dem, was Covid 19 angerichtet hat. Ein Kollateral-Gewinn der Krise sind möglicherweise Erkenntnisse für den Klimawandel, an dem die Landwirtschaft leidet aber auch eine der Ursachen ist. Interessanterweise kommt dabei vor allem die Rinderhaltung immer wieder sehr schlecht weg, obwohl die Tiere im Vergleich zu Schweinen und Hühnern noch am naturnahesten gehalten werden. Rinder rülpsen Methan. Aufzeichnungen der ZAMG vom Sonnblick Observatorium in der Zeit vom 15. März bis zum 20. März zeigen nun ein Kuriosum: Der Methangehalt der Luft geht sogar deutlicher zurück als das Kohlendioxid, obwohl gleich viel Kühe, die gleich viel fressen, gehalten werden. (ZAMG)

Liebe geht durch den Magen. Das kommt bei den Bauern nicht an. Im Agrarischen Ausblick Österreich  2025, erstellt von den Landwirtschaftskammern 2016, wird beschrieben, dass zwischen 2000 und 2015 die landwirtschaftliche  Bruttowertschöpfung lediglich um 7% gestiegen ist. Abschreibungen und Pachtzahlungen spreizen die bäuerliche Schere zwischen Betriebsmitteln und Erzeugerpreisen weiter und der Strukturwandel, das Sterben von bäuerlichen Familienbetrieben geht, vor allem in Gunstlagen,  weiter. Die Forderung der Kammern nach radikaler Kostensenkung verschärft das Tempo im Hamsterrad von Wachsen und Weichen. Aber zurück zur Subsistenzwirtschaft geht´s auch nicht mehr oder doch?

Panem et hortum, Brot und Garten statt Brot und Spiele ist ein Alternativkonzept, um Menschen in der Krise  Beschäftigung und außerhalb davon Aufgabe und Würde zu geben. Laut Spectra Marktforschung bauen 40% der Österreicher selbst an. Die Sehnsucht irgendwo und irgendwie Bauer zu sein ist groß und hat zudem den Vorteil, einen Beitrag zur Selbstversorgung im wahrsten Sinne des Wortes zu leisten.

Summary: In der Krise zeigt sich was wichtig ist. Gesundheit, Essen, Sozialkontakte und…….. Zum Essen: „Die im Schatten sieht man nicht“, meinte Bert Brecht.  Oder nur dann, wenn´s dunkel wird, wie  Bauern, Verkäufer/innen, Saison und Fremdarbeiter, LKW-Fahrer…

Selbstversorgung ist wichtig aber ebenso offene   Grenzen, wie die Saison- und Fremdarbeitspendler aus Osteuropa im Agrarsektor beweisen.

Zukünftig wird´s darum gehen,  Sicherheitspölster einzubauen, indem Politik flächendeckende und naturnahe Landwirtschaft ermöglicht und Abhängigkeiten in einem vernünftigen Ausmaß reduziert. Das schafft der Kapitalismus alleine nicht oder nur nach dem großen Sterben.

 

Rudi Grünanger

Milchviehbauer, ehemaliger Buschenschenker und Geschäftsführer der Landwirtschaftlichen Genossenschaft Klagenfurt-St.Veit-Rosental