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In der Krise zeigt sich der Charakter

Nachricht vom 02.04.2020

In zynischem Kalkül bugsiert sich der Lebensmitteleinzelhandel gerade zum eigentlichen Krisengewinner.

Dipl. Ing. Reinhard Wolf, Generaldirektor der Raiffeisen Ware Austria AG

Dipl. Ing. Reinhard Wolf, Generaldirektor der Raiffeisen Ware Austria AG

Ein Kommentar von Reinhard Wolf zur aktuellen Situation

Es ist schwer zu begreifen wie schnell eine infektiöse organische Struktur eine globale Krise auslöst, tausenden
Menschen das Leben kostet und die Wirtschaft in ihre größte Krise der Nachkriegszeit stürzt. Für das, was
kommen kann, fehlt noch der klare Blick.


Vorbildhaft war bisher aus österreichischer Perspektive das Handeln des Staates. Die neue Regierung agiert
entschlossen und souverän, die Legislative funktioniert auch im Krisenmodus und die Behörden arbeiten unter
erschwerten Bedingungen zum Wohl der Menschen.


Noch mehr beeindruckt die Zivilbevölkerung. Weitgehend ohne Murren und Widerstand werden die massiven
Einschränkungen im täglichen Leben hingenommen. Auch viele Unternehmen halten sich an die eilig verfassten
Gesetze und Verordnungen: Im Bewusstsein der großen Verantwortung ist man vorsichtig, sucht keine
Schlupflöcher, sondern schränkt sich mehr ein, als unbedingt erforderlich ist. Denn: Verantwortung für alle
beginnt bei jedem Einzelnen. Es ringt einem Respekt ab: Die gigantischen Verluste und Existenzsorgen nehmen
Kleine wie Große fast stoisch hin!


Allein gewisse Spieler im Lebensmitteleinzelhandel leben offenbar nach eigener Moral und scheinen die Krise als
große Chance zu sehen, endlich richtig Cash zu machen: Die drei deutschen und eine österreichische Handelskette
stilisieren sich in groß angelegten Werbesujets, in TV- und Hörfunk-Spots zu den einsamen Helden dieser Krise.
Und während die Kassiererinnen und Lagerarbeiter dort tatsächlich großartiges leisten, bedanken sich aus dem
bequemen und sicheren Home Office die Geschäftsführer und Marketingstrategen dieser Ketten bei den
Mindestlohn-Regalschlichtern mit ganzseitigen Inseraten.


Landwirte, Molkerei- und Mühlenarbeiter sowie LKW-Fahrer, die Mitarbeiter der öffentlichen Dienstleister – von
der Energieversorgung bis zur Müllabfuhr – gibt es in der Welt der Handelsriesen scheinbar nicht. Nein, die
Republik steht und fällt offenbar einzig und allein mit dem Lebensmitteleinzelhandel.
Marktposition ausbauen.


Dabei nimmt dieser in der Krise nicht bloß seine eigentliche Rolle als Versorger mit Waren zur Deckung der
Grundbedürfnisse des täglichen Lebens wahr. Nein: in zynischem Kalkül bugsiert sich der LEH zum eigentlichen
Krisengewinner. Jetzt werden Rabattschlachten inszeniert (25%-Wochenende) und weit über eine
Grundversorgung hinausgehende Sortimente, welche andere pflichtbewusst wegsperren, werden offensiv
beworben und aggressiv nachgeliefert. Das Ziel: möglichst viele Kunden in die Geschäfte zu locken. Dabei nimmt
man offenbar bewusst in Kauf, die Weiterverbreitung des Virus zusätzlich zu befördern. Schließlich geht es wohl
auch darum, die Marktposition für die Zeit nach der Krise weiter auszubauen. Und niemand hat Mut dagegen
aufzutreten. Die Jahresgewinne des LEH werden so bereits im Mai eingefahren sein. Gleichzeitig werden jene, die
ihre Verantwortung wahrnehmen, die Geschäfte sperren und die um ihre Existenz bangen, polizeilich überwacht
und eingeschränkt (auch mit Zivilkräften).


Dieses Verhalten macht Angst. Unsere Gesellschaft muss gerade in Krisen ein gutes Gespür für Zusammenhalt,
Fairness und Gerechtigkeit haben. Wenn wir – neben unserer Gesundheit – etwas in dieser Krise verteidigen
müssen, dann sind es unsere Grundwerte wie Demokratie, Gerechtigkeit und Anstand. Jetzt zeigt sich, wer
Verantwortung trägt und richtig handelt. Gier und Rücksichtslosigkeit dürfen nicht belohnt werden.

 


Dipl. Ing. Reinhard Wolf, Generaldirektor der Raiffeisen Ware Austria AG, Großhändler für
landwirtschaftliche Erzeugnisse und Betriebsmittel mit 2.200 Mitarbeitern.